|
Hier können die Vorgänge nur theoretisch
erklärt werden. Üben müsst ihr in einem Kurs! Eure Rot-Kreuz-Dienststelle
informiert euch gerne und freut sich auf euren Kursbesuch!
Psychische Erste Hilfe
Im
Kapitel über Schockbekämpfung hieß eine Maßnahme: "Guter
Zuspruch". Ich möchte mehr Aufmerksamkeit für diesen, lange Zeit
vernachlässigten Teil der Erste Hilfe erreichen.
Wer die Medienberichte verfolgt, wird feststellen, dass es bei Katastrophen auch
immer jemanden gibt, der sich um Betroffene und Mitbeteiligte kümmert. Das
machen sog. "psychologische Fachkräfte" in Form von Kriseninterventionsteams.
Psychologen haben herausgefunden, dass derartige Ereignisse (oder Krisen) bei
den Betroffenen zu späteren psychischen Störungen führen können.
Dies ist auch wissenschaftlich belegt und sollte nicht als "Psycho-Kram"
belächelt werden.
Was kümmert das uns vor Ort als Ersthelfer?
Die meisten von uns sind keine psychosozialen Fachkräfte. Man hat aber
auch herausgefunden, dass betroffene Personen von den Profis erfolgreicher behandelt
werden können, wenn möglichst früh eine psychische Betreuung erfolgt.
Da bedarf es oft nur einfacher Maßnahmen.
Bevor ich dazu komme, möchte ich zwei oben genannte Begriffe klären:
- Krise = ein Wendepunkt
Das heißt, nach einer Krise ist es nicht aus, sondern wir sind um eine Erfahrung
reicher, die unter Umständen unser Leben wesentlich ändert, eben ein
Wendepunkt
- Intervention = Dazwischenkommen
Genau das sollt ihr auch als Ersthelfer tun, so dass Verunglückte bald die
Möglichkeit haben, Erlebtes zu verarbeiten.
Was
passiert mit dem Verunfallten?
Grundsätzlich befindet sich jemand nach einem Unfall in einer Ausnahmesituation.
Er ist aus seinem mehr oder weniger geregelten Tagesablauf herausgerissen. Im
Falle des Motorradfahrers ist dies besonders krass, da das Lenken eines Bikes
mit Macht, Freiheit und Beherrschen der Situation verbunden ist.
Die Machtlosigkeit und das Angewiesensein auf Hilfe nach einem Unfall ist für
unsere Psyche eine enorme Belastung, so wie vergleichsweise der Blutverlust für
den Kreislauf. Das soll uns zu verstehen geben, warum Verunglückte oft für
uns unverständlich reagieren.
Die Wertigkeiten verschieben sich, da diese Person versucht, wieder in ihr geregeltes
Leben zurückzukehren. So kann es passieren, dass ein gestürzter Biker,
wenn er zu sich kommt, trotz Verletzungen weiterfahren will!
Die Reaktionen eines Patienten nach einem Unfall haben ihre Ursachen und wir müssen
dafür Verständnis aufbringen, den Betroffenen aber auch vor Selbstschädigung
schützen!
Vorgehensweise zur psychischen Ersten Hilfe
Wenn
ihr zu einem Unfall kommt, sollt ihr zuerst lebensrettende Sofortmaßnahmen
leisten und einen Notruf absetzen. Danach, oder auch parallel dazu beginnt die
psychische Erste Hilfe.
Es gehört zu einer guten Kinderstube sich vorzustellen, scheint aber etwas
eigenartig in einer Notsituation. Aber es bringt in so einer Ausnahmesituationen
einen Hauch von "Normalität" und wirkt somit beruhigend.
Wir haben also Kontakt aufgenommen. Wir befragen den Patienten über Beschwerden
und Unfallhergang. Bis hierher wird so ein Gespräch auch ohne einer Anleitung
sozusagen "aus dem Bauch heraus" funktionieren.
Wichtig für die weitere Vorgehensweise ist, dass ihr den Patienten informiert,
was geschieht. Sagt ihm, welche Erste Hilfe Maßnahmen ihr setzt, die ihr
in einem Kurs erlernt habt. Hinweis auf eure Kompetenz wirkt beruhigend. Teilt
dem Verunglückten mit, dass ihr einen Notruf abgesetzt habt und die Rettung
unterwegs ist.
Seid bei diesen Mitteilungen ehrlich! Schummelt zB. nicht bei der Einsatzzeit
der Rettung! Warten im Notfall ist noch unangenehmer - besser die Rettung kommt
früher als erwartet. Was der Patient selbst wahrnimmt, darf von uns nicht
beschönigt werden.
Ein kaputtes Motorrad ist eben kaputt! Ihr sollt aber, trotz eurer Aufregung,
nichts dramatisieren. Also ehrlich bleiben, damit der Patient das Vertrauen in
den Helfer nicht verliert. Verlorenes Vertrauen könnte auch uns im Rettungsdienst
oder dem Personal im Krankenhaus auf den Kopf fallen!
Es gibt Grenzbereiche, wo wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Der Tod eines
Angehörigen wäre so ein Fall. Hier ist es besser, am Unfallort zu sagen,
man weiß nicht Bescheid als zu lügen! In diesem Fall sollte ein Notarzt
mit dem Betroffenen sprechen. Ihr müsst dem Patienten nicht alles sagen,
nur was ihr sagt, muss der Wahrheit entsprechen.
Sehr
hilfreich ist auch der Körperkontakt. Wobei wir mit viel Fingerspitzengefühl
vorgehen müssen. Die Körpersprache muss uns zeigen, was erwünscht
ist oder nicht. Erfahrungsgemäß sollten nur Hände und Schultern
berührt werden. Auch das Abwischen von Schweiß auf der Stirn wirkt
beruhigend.
Auf alle Fälle müsst ihr das Gespräch aufrecht erhalten. Dies dient
euch auch als Kontrolle über seinen Bewusstseinszustand, der sich durchaus
ändern kann.
Das gilt auch für Bewusstlose - auch sie können oft die Umgebung wahrnehmen.
Damit euch nicht die Worte ausgehen, versucht "aktiv" zuzuhören.
Das heißt, wiederholt die Worte des Patienten, fasst seine Gefühle
und Gedanken zusammen, bewertet diese aber nicht. Zum Beispiel: "Ja, ich
sehe auch dein kaputtes Motorrad."
Sorgt schließlich dafür, dass der Verunglückte von Zuschauern
abgeschirmt wird, zB. indem man sie mit Arbeit betraut (Rettungswagen einweisen,
...); also auch hier kann man "höflich" sein.
Und: den Verletzten nicht alleine lassen!
Andere Betroffene
Beachtet bitte auch andere Beteiligte, sogar wenn sie nicht verletzt sind.
Das Miterleben eines Unfalles ist durchaus eine Belastung. Besonders wichtig in
diesem Personenkreis sind die vermeintlichen Unfallverursacher. Es steht uns nicht
zu, am Unfallort den Richter zu spielen!
Obwohl es uns zuwider sein kann, darf der Verursacher nicht ignoriert werden.
Meist sind sie sich ihrer Schuld bewusst und können in Selbstmordgefahr sein!
Hier muss auch eine Betreuung erfolgen!
Ihr selbst
Schließlich seid ihr es, die nach so einem Unfall übrig bleiben.
Wie sieht's mit euch da aus? Rauf auf's Motorrad mit zittrigen Knien und die Gedanken
noch beim Unfall?
Nein! Gönnt euch auf alle Fälle eine Pause, um selbst Erlebtes zu verarbeiten.
Nehmt ohne weiteres Mitfahrangebote von Rettungsdienst und Exekutive in Anspruch
und lasst euer Motorrad inzwischen stehen. Wenn es euch nach ein paar Tagen noch
nicht besser geht, solltet ihr ein professionelles Hilfsangebot annehmen.
Daniel "Tintifax" Neuhauser
|