| Wir haben intensiv recherchiert, in Erinnerungen gegraben und mit einigen
"Urgesteinen" gesprochen, um die Wurzeln des österreichischen Bikertums
und der österreichischen MC-Szene zu finden, als Teil einer weltweiten Kultur.
Die Biker-Ausschreitungen in Hollister anno 1948 werden von vielen als Geburtsstunde
des Bikertums bezeichnet. Die Sensibilität der Amerikaner, was Alkohol und
Pinkeln in der Öffentlichkeit angeht, war für uns Europäer nie
nachvollziehbar. Auch aus damaliger Sicht war es keine Tragödie, also warum
der Aufruhr?
Nach Ende des Krieges waren reißerische Meldungen rar, also wurde die ganze Geschichte
ausgeschmückt, mit getürkten Fotos garniert und verbreitet. Das Interesse
der nach Sensationen hungernden breiten Öffentlichkeit an diesen "Motorradfahrern"
war damit geboren und gleichzeitig auch das Bild des Bikers.
Aus dieser Quelle sogen auch andere Medien ihre Themen. Dazu gehörten die
Filme "The Wild One", "Easy Rider" und "Hells Angels
'69" (der bei uns sinnigerweise als "Hells Angels '70" lief), um
nur einige Highlights aus zahlreichen Bikerfilmen zu nennen, viele davon minderwertige
B-Movies.
Die Filme kamen über den großen Teich und transportieren nicht nur
Action und Crime, sondern auch die Idee dahinter, die Botschaft. Damit legten
sie in vielen Gehirnen den Grundstein für so manches Bikerleben.
Doch was passierte zu dieser Zeit in Österreich?
Das meiste tat sich in Wien und Vorarlberg. Anfang der 70er, als "Devils
Advocats MC" gegründet, brachte dieser MC bereits 1975 die Farben der
Hells Angels nach Österreich, respektive Vorarlberg. Der Kontakt zum Züricher
HA-Charter als ältestes am europäischen Festland (seit 1970) tat sicher
das seine für diese frühe Entwicklung in Vorarlberg.
In Wien waren in den 60ern noch die markenbezogenen Fahr- und Freundschaftsgemeinschaften
aktuell. Namen wie "Triumph Club" und "Norton Club" klingen
noch heute im Ohr und die "alten Hasen" aus der Wiener Bikerszene wissen,
dass diese Zusammenschlüsse bereits über den Begriff "Fahrgemeinschaft"
hinausgingen.
Anfang der 70er wurden von einigen Mitgliedern dieser Gemeinschaften die damals
revolutionären und neu auf dem Markt erschienenen Hondas als Eigenimport
nach Wien gebracht und der "Honda Club" gegründet.
Parallel dazu entwickelte eine kleine, aber brüderlich gefestigte Gemeinschaft
ihre Liebe zum MC-Tum. Von Biker- und Clubleben fasziniert und die Aktionen der
Hells Angels in den USA bewundernd, gründete sich aus der Moped-Gruppe "Devils"
(1973) und später "Young Angels" (1975) der "Satans Serpents
MC" (1976). Es war der erste MC mit Full-Colour und den heute bekannten MC-Strukturen
in Wien.
Aus den Hardlinern des Honda-Clubs, der bis heute besteht, formierte sich 1976 ein
Colour-Club namens "A Place in Hell". Seine Member wurden von dem bereits
zu Lebzeiten zur Legende gewordenen Peter Platzer geleaded. Als sein Club versuchte,
mit den Hells Angels in Zürich persönlich Kontakt aufzunehmen, kam es
zum Desaster. Nicht nur der Name mit dem Inhalt "Hell" war der Stein
des Anstoßes, vielmehr war es das Patch selbst: Es zeigt einen, dem Original
sehr ähnlichen Totenkopf mit Flügeln und zum Missfallen aller durchstieß
ein Messer diesen Death Head.
"A Place in Hell" gab es ab dem Zeitpunkt des Kontakts mit Zürich
nicht mehr, aber einige Member gründeten danach den "Scampers MC".
Der Rest - unter ihnen auch Peter Platzer - fuhren noch viele Jahre zusammen,
trugen aber nie wieder ein Colour.
In all diesen Turbulenzen gründete sich ein weiterer anerkannter MC, die
"Vikings".
Gegen Ende der 70er ging es dann so richtig los. Speziell der eingangs erwähnte
Film "Easy Rider", der eigentlich kein Biker-Film ist, sondern nur seine
Geschichte im Biker-Milieu ansiedelt, löste eine Welle der Nachahmer und
Trittbrettfahrer aus. Jeder Einspurige wollte plötzlich das Gefühl der
großen Freiheit erfahren und rottete sich mit Gleichgesinnten zusammen.
Der Wildwuchs begann um sich zu greifen und die bereits damals sehr ausgeprägte
Ideologie der anerkannten MCs wurde mit Stiefeln getreten. Die "alteingesessenen"
MCs hatten einiges zu tun, um dieses Problem einigermaßen in den Griff zu
bekommen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Doch es gelang und neue Clubs entstanden:
die "Rebels", anfangs etwas bockig in der Szene, aber das Herz am rechten
Fleck, die "Highway Devils" und nach Differenzen wegen der Farben Rot-Weiß
der "Outsider MC".
In den frühen 80ern hatten einerseits die Wiener Clubs noch einige Entwicklung
im Miteinander vor sich, andererseits hatte der "Satans Serpents MC"
bereits kurz nach dem Zürich-Besuch der "A Place in Hell" mit den
"Hells Angels" in der Schweiz Kontakt aufgenommen und Beitrittsabsichten
deponiert. Es sollte aber noch bis 1982 dauern, da logischer Weise Vorarlberg
für Wien zuständig war und somit der Kontakt und die Freundschaft erst
gepflegt werden musste, bis der "Satans Serpents MC" Prospect-Carter
des "Hells Angels MC" wurde.
Das Jahrzehnt von 1980 bis 1990 war geprägt von Turbulenzen, Unstimmigkeiten
und oft auch Misstrauen unter den MCs. Die Gerüchteküche brodelte laufend
und Verunsicherung machte sich breit. Als 1985 der ehemalige "Satans Serpents
MC" als Mitglied in die große Familie des "Hells Angels MCs"
aufgenommen wurde, sank die Stimmung in Österreich auf den Nullpunkt.
Da sich viele Gerüchte bis in die 90er hartnäckig hielten, entschlossen
sich die "Hells Angels Vienna" zu einem vereinenden Vorstoß in
der Biker-Szene. Bereits 1982 hatte es eine kleine Bike-Show in der Wiener Arena
gegeben. Dieser Gedanke wurde wieder aufgenommen und der "Outsider MC"
konnte von den "Hells Angels" für ein gemeinsames Vorhaben gewonnen
werden. Dieses Projekt sollte an Größe und Perfektion alle bisherigen
Veranstaltungen in den Schatten stellen und der österreichischen Szene zeigen,
dass zwei Clubs, um die sich immer wieder Gerüchte rankten, miteinander ein
Event organisieren können.
So wurde 1991 gemeinsam die 1st Vienna Bike-Show "Chrom & Musik"
veranstaltet, zu der jeder Club auch mit seinem Colour anreisen konnte.
Diese Regelung ist bis heute aufrecht: Es ist nach wie vor trotz des Colour-Verbots
für auswärtige Clubs möglich, zu großen Events von Wiener
MCs wie dem Vienna Memorial, der Tatoo Convention usw. am direkten Weg zu und
von der Veranstaltung das Colour zu tragen. Eine weitere Ausnahme besteht für
die Toy-Run als langjährige, etablierte Benefizveranstaltung. Alle anderen
Veranstalter, die ihre Gäste mit Colour anreisen lassen wollen, sollten vorher
mit den Wiener Clubs Kontakt aufnehmen.
Viele Clubs und Veranstalter orientierten sich an der Vienna Bike-Show, die 1991
bis 1993 drei Mal abgehalten wurde, und begannen Bike-Shows in diesem Stil zu
organisieren. Dies wiederum bewirkte einiges am Weg zum Miteinander in Österreich.
So konnte es auch nicht ausbleiben, dass die Entwicklung einer gemeinsamen
Gesprächsebene der österreichischen MCs ihren Tribut forderte. Die Mitte
der 90er bereits extrem unbeliebten "Präsi-Rallys" wurden ad acta
gelegt und eine neue, effiziente Plattform für Österreichs MCs wurde
von Österreichs MCs gegründet: die Österreichische Biker-Union
(ÖBU).
Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte war gesetzt. Da sich die ÖBU als
Arbeits- und Kommunikationsplattform versteht, entstehen alle Entwicklungen aus
den auf dieser Plattform agierenden MCs, wobei selbstverständlich auch die
Kontakte zu nicht der ÖBU angehörenden Clubs gepflegt werden.
So ist bis zum heutigen Tag eine gesund gewachsene MC-Szene das Resultat jedes
einzelnen, der seit den frühen Tagen (oder "jugendbedingt" erst
seit kurzem) am Gemeinsamen mitarbeitet.
Viele, die diese kurze Chronologie gelesen haben, werden sich in der Geschichte
der österreichischen MC- und Biker-Szene wieder finden, als Teil eines Ganzen
und das über viele Jahre hindurch. Denn es gibt selten eine Szene, in der
Freundschaften und Kontakte so lange halten, wie in der unseren.
Hömal 81 & Blacky
Fotos von 1976 und 1982 aus dem Archiv H.A.M.C. Vienna
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